Entwicklungslog

Die 27. Sprache, die niemand übersetzt hat

Das Spiel gab es bis gestern in 26 Sprachen, Chinesisch darunter. Vereinfachtes Chinesisch, wie man es auf dem Festland schreibt. Seit heute sind es 27: Dazugekommen ist traditionelles Chinesisch, wie man es in Taiwan, Hongkong und Macau schreibt.

Dafür wurde kein Satz übersetzt. Es ist dieselbe Sprache in einer anderen Schrift — und daraus folgt mehr, als es zunächst klingt.

Warum nicht einfach übersetzen lassen

Der Spielkatalog hat rund viertausend Einträge. Hätten wir ihn ein zweites Mal übersetzen lassen, gäbe es ab sofort zwei chinesische Fassungen, die sich unabhängig voneinander entwickeln. Beim nächsten neuen Knopf stünde er in der einen und in der anderen nicht. Nach einem halben Jahr wüsste niemand mehr, welche die aktuelle ist.

Stattdessen wird die traditionelle Fassung erzeugt. Ein Werkzeug liest die vereinfachte Datei, wandelt sie um und schreibt die traditionelle. Wer einen Text ändert, ändert ihn an einer Stelle und lässt das Werkzeug laufen. Die beiden können gar nicht auseinanderlaufen.

Zeichen tauschen reicht nicht

Der naheliegende Weg wäre, jedes Zeichen durch sein traditionelles Gegenstück zu ersetzen. Das Ergebnis wäre lesbar — und sofort als das erkennbar, was es ist.

Denn die beiden Schriften unterscheiden sich nicht nur in den Zeichen, sondern in der Fachsprache. Ein Server heisst auf dem Festland 服务器. Tauscht man nur Zeichen, wird daraus 服務器. In Taiwan heisst er aber 伺服器 — ein anderes Wort. Dasselbe bei Daten, bei Voreinstellungen, bei der Warteschlange, beim Arbeitsspeicher. Ein taiwanischer Leser braucht keine zehn Sekunden, um zu sehen, ob jemand für ihn übersetzt hat oder ihm eine Festlandfassung hinstellt.

Das benutzte Werkzeug kann beides, und wir prüfen es: Ein Test schlägt an, wenn in der traditionellen Fassung ein vereinfachtes Zeichen übrigbleibt — und ebenso, wenn die Festlandform eines Fachworts durchrutscht.

Der Browser sagt die Region, nicht die Schrift

Dann war da noch eine Falle, die wir fast übersehen hätten. Browser melden ihre Sprache als Region: Taiwan sagt zh-TW, Hongkong zh-HK, das Festland zh-CN. Von der Schrift steht da nichts.

Unsere Sprachwahl schnitt bisher alles hinter dem Strich ab und nahm den Rest. Aus zh-TW wurde zh — und ein Besucher aus Taipeh hätte die Festlandfassung bekommen, obwohl die richtige danebenliegt. Jetzt gibt es eine Zuordnung: Taiwan, Hongkong und Macau bekommen traditionell, Festland und Singapur vereinfacht.

Dieselbe Annahme steckte an drei weiteren Stellen: im Muster der Adressen, das nur zwei Buchstaben erlaubte; in der Sprachwahl der Einladungsmails; und im Werkzeug für die Vorschaubilder, das nur Dateien mit zweibuchstabigem Namen fand. Alle vier hätten nichts gemeldet — sie hätten einfach still die falsche Sprache geliefert. Eine neue Sprache ist selten nur eine Datei mehr.

Was das mit Reichweite zu tun hat

Ehrlich gesagt: Es ist der einzige Weg nach China, der uns offensteht. Die grossen chinesischen Gemeinschaften verlangen zur Anmeldung eine Mobilnummer mit chinesischer Vorwahl, und ohne eine dortige Registrierung findet die chinesische Suchmaschine eine ausländische Seite kaum. Der chinesischsprachige Raum, den man ohne beides erreicht, ist der traditionelle.

Wer dort ankommen will, sollte wenigstens die richtige Schrift mitbringen.

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